Instant Payments entkoppeln den Zahlungsverkehr – Infrastruktur wird zur Commodity und Commercial Governance zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor

Instant Payments werden zur obligatorischen Infrastruktur. Der eigentliche Wandel ist strukturell: Die Trennung von Zahlungsinfrastruktur und Commercial Governance tritt offen zutage. Was Kartensysteme historisch bündelten, Rail und Regelwerk, wurde bislang implizit mitgeführt. Mit der Finalität von Echtzeitzahlungen wird diese Ordnung nicht mehr verdeckt. Käuferschutz, Haftung und Dispute-Logik müssen explizit gestaltet werden. Europa gewinnt damit Handlungsspielraum für eigene Commercial Governance. Die Lösung liegt in orchestrierter Konsolidierung auf drei Ebenen. Wer Infrastructure Governance, Regulierung und Commercial Governance koordiniert, gestaltet Europas Zahlungslandschaft.

Einleitung

Die europäische Zahlungslandschaft durchläuft eine strukturelle Transformation. Die EU-Verordnung zu SEPA Instant Payments schreibt Verfügbarkeit rund um die Uhr, nahezu Echtzeit-Ausführung und Preisparität vor. Die Debatte konzentriert sich dabei überwiegend auf Geschwindigkeit, Rollout-Timelines und technische Implementierungsdetails, als wäre dies primär eine technische Modernisierung.

Diese Perspektive verfehlt den Kern der Veränderung. Instant Payments werden zur obligatorischen Infrastruktur. Der entscheidende Wandel ist die strukturelle Entkopplung von Infrastruktur und Governance. Historisch haben Zahlungssysteme (insb. Karten und Wallet Systeme) Zahlungsausführung, Käuferschutz, Streitbeilegung und Haftungsregeln in einem gebündelten Modell vereint. Diese Schutzmechanismen waren implizit, standardisiert und im System verankert. Instant Payments brechen dieses Modell auf: Sie sind final by default und kontextblind auf Infrastrukturebene. Commercial Governance bleibt möglich, ist aber nicht mehr enthalten.

Governance-Strukturen oberhalb der Infrastruktur entstehen bereits, aber fragmentiert: Die Rulebooks des European Payments Council definieren Infrastructure Governance, die European Payments Initiative startet mit Wero erste marktgetriebene Commercial Governance, während Initiativen wie „Pay by Bank“ des Handelsverband Deutschland händlerseitige Ordnungsmodelle auf Basis von Instant Payments formulieren. Regulatorische Rahmenbedingungen setzen verbindliche Minimalanforderungen. Die verschiedenen Ansätze koexistieren bislang unkoordiniert, Adoption und Marktdurchdringung verlaufen unterschiedlich schnell.

Dieser Artikel analysiert die strukturellen Konsequenzen dieser Entkopplung und die Herausforderungen der aktuellen Transitionsphase. Er zeigt, dass Instant Payments Schemes von der Infrastruktur trennen, ohne sie zu eliminieren. Wettbewerb verlagert sich zur Regelgestaltung. Instant Payments machen Commercial Governance erstmals explizit gestaltbar. Der Umbruch ist im Kern ordnungspolitisch.

Instant Payments sind Commodity

Die EU-Verordnung zu SEPA Instant Payments definiert klare Anforderungen: Zahlungsdienstleister müssen Instant Payments 24/7 verfügbar machen, nahezu in Echtzeit ausführen und zu Preisen anbieten, die nicht höher sind als herkömmliche SEPA-Überweisungen. Diese Regulierung wird häufig als Produktinnovation interpretiert. Diese Lesart verfehlt jedoch den Charakter der Veränderung.

Regulierung schafft Basisinfrastruktur, ohne Governance

Die Verordnung adressiert ein Infrastrukturproblem, kein Marktproblem. Sie schreibt vor, dass eine bestimmte technische Fähigkeit zur Standardinfrastruktur wird: Die nahezu sofortige Ausführung von Zahlungen. Ähnlich wie bei Telekommunikationsnetzen oder Stromversorgung definiert sie Mindestanforderungen an die Basisinfrastruktur.

Diese Unterscheidung ist fundamental: Produktinnovation entsteht aus Marktdynamik. Infrastrukturregulierung schafft eine gemeinsame Basis (Commodity), die Wettbewerb auf höheren Ebenen ermöglicht. Die Geschwindigkeit der Ausführung wird zur gemeinsamen Grundvoraussetzung. Die Produktebene wird dem Markt überlassen.

Instant Payments bieten keinen automatischen Käuferschutz, keine Streitbeilegung, keine Haftungsregeln, keine Betrugsprävention auf Infrastrukturebene. Diese Funktionen existierten historisch in gebündelten Zahlungssystemen, sind aber nicht Teil der Instant Payment Infrastruktur. Sie ist kontextblind. Sie weiß nicht, ob eine Zahlung für eine Warenlieferung, eine Dienstleistung oder eine Rückerstattung bestimmt ist. Sie weiß nicht, ob Käuferschutz gewünscht ist, ob Streitbeilegung notwendig wird, ob besondere Haftungsregeln gelten. Sie führt aus, was angeordnet wird: schnell und final. Finalität verschiebt Verantwortung.

Diese Entwicklung ist strukturell vergleichbar mit anderen Infrastrukturtransformationen: Breitbandinternet und Cloud-Infrastruktur wurden zur Commodity. Die Differenzierung verlagerte sich jeweils auf die Anwendungen und Services darüber.

Differenzierung verlagert sich nach oben

Die aktuelle Debatte konzentriert sich überwiegend auf Geschwindigkeit und Rollout. Banken diskutieren Implementierungszeitpläne, technische Architekturen und Kosten. Zahlungsdienstleister positionieren Instant Payments als Produktfeature. Geschwindigkeit ist jedoch die notwendige, nicht die hinreichende Bedingung für nachhaltige Zahlungssysteme. Geschwindigkeit ist längst kein Wettbewerbsvorteil mehr.

Die Differenzierung liegt auf anderen Ebenen: Welche Schutzmechanismen werden angeboten? Welche Haftungsregeln gelten? Wie werden Streitigkeiten gelöst? Diese Fragen adressieren Commercial Governance. Schutz, Haftung und Regeln müssen oberhalb des Rails adressiert werden.

Entkopplung schafft neue Herausforderungen

Die Entkopplung von Infrastruktur und Commercial Governance schafft neue Herausforderungen für etablierte Geschäftsmodelle. Um die Konsequenzen zu verstehen, ist ein Blick auf historische Zahlungssysteme notwendig und darauf, warum Instant Payments andere Strukturen erfordern.

Gebündelte Modelle werden optional

Kartensysteme und Wallet Systeme haben historisch Zahlungsausführung, Käuferschutz, Streitbeilegung und Haftungsregeln in einem gebündelten Modell vereint. Eine Kartenzahlung war immer ein ganzes Paket: Die Übertragung von Geld vom Käufer zum Händler, standardisierte Käuferschutzregeln für Betrug oder nicht gelieferte Waren, integrierte Prozesse für Chargebacks und Disputes, definierte Haftungsregeln bei Betrug oder technischen Fehlern.

Diese Komponenten waren implizit und standardisiert. Ein Händler, der Kartenzahlungen akzeptierte, akzeptierte automatisch die Käuferschutzregeln des Schemes. Ein Karteninhaber erhielt automatisch den Schutz. Diese Regeln mussten nicht für jede Transaktion neu verhandelt werden. Sie waren Teil des Systems.

Instant Payments brechen dieses Modell auf. Sie sind final by default und kontextblind. Die Infrastruktur bietet keine automatischen Rückbuchungsmechanismen und kennt keine Geschäftslogik. Diese Eigenschaften sind bewusste strukturelle Konsequenzen. Commercial Governance gehört in höhere Schichten.

Käuferschutz und Streitbeilegung bleiben möglich. Allerdings werden sie zu expliziten Governance-Entscheidungen oberhalb des Rails. Die Entkopplung macht sichtbar, was historisch implizit gelöst schien.

Händler tragen explizite Risiken

Für Händler bedeutet die Entkopplung eine fundamentale Veränderung ihrer operativen Realität. In gebündelten Systemen waren Zahlungen ein integrierter Bestandteil des Geschäftsprozesses mit klaren Risikoprofilen, standardisierten Prozessen und vorhersagbaren Kosten. Instant Payments ändern diese Gleichung grundlegend:

Zahlungen werden zum expliziten Risikobestandteil. Bei Kartensystemen beispielsweise waren Betrugs- und Chargeback-Risiken klar definiert: Bei bestimmten Betrugsarten haftete das Scheme, bei anderen der Händler. Bei Instant Payments muss der Händler diese Risiken selbst tragen und managen. Es gibt keine automatische Absicherung mehr durch ein übergeordnetes System.

Betrugs und Chargeback Risiken verändern sich fundamental. Bei Instant Payments ist eine Rückbuchung betrügerischer Zahlungen nicht mehr möglich. Betrugsprävention muss vor der Zahlungsausführung stattfinden, denn danach ist die Zahlung final. Dies erfordert neue Technologien, neue Prozesse und neue Expertise. Chargebacks existieren nicht mehr in der gleichen Form. Die Finalität verschiebt das Risiko vollständig zum Händler.

Zahlungen werden zum expliziten Prozessbestandteil. Bei Instant Payments muss der Händler eigene Prozesse für Rückerstattungen entwickeln. Disputes müssen außerhalb der Infrastruktur gelöst werden. Diese Prozesse müssen in die bestehenden Geschäftsabläufe integriert werden, ohne dass es dafür standardisierte, vorgefertigte Lösungen gibt.

Refunds und Disputes erfordern neue Mechanismen. Bei Instant Payments wird eine Rückerstattung zu einer neuen Zahlung in die entgegengesetzte Richtung. Der Händler muss sicherstellen, dass er die notwendigen Zahlungsdaten hat, dass der Kunde die Rückerstattung erhält, dass die Rückerstattung dokumentiert ist. Disputes müssen außerhalb der Zahlungsinfrastruktur gelöst werden, was neue Prozesse und möglicherweise neue Institutionen erfordert.

Kosten, Gebühren und Zahlungsorchestrierung werden komplexer. Bei Instant Payments müssen Händler verschiedene Kostenfaktoren berücksichtigen: Infrastrukturkosten für die Zahlungsausführung, Governance-Kosten für Schutz und Haftung, Betrugspräventionskosten für Risikomanagement, Prozesskosten für Refunds und Disputes. Diese Kosten müssen einzeln identifiziert und explizit gemanagt werden. Die Zahlungsorchestrierung (die Koordination verschiedener Zahlungsmethoden und -prozesse) wird komplexer, wenn jede Methode unterschiedliche Governance-Modelle, unterschiedliche Risikoprofile und unterschiedliche Prozessanforderungen hat.

Diese Veränderungen schaffen einen klaren Bedarf an Commercial Governance. Händler benötigen standardisierte Lösungen für Risikomanagement, Prozessgestaltung, Kostenoptimierung und Streitbeilegung. Individualisierte, händlerspezifische Lösungen skalieren nicht. Ein Händler kann nicht für jede Zahlungsmethode eigene Prozesse entwickeln, nicht für jeden Betrugsfall eigene Lösungen finden, nicht für jeden Dispute eigene Mechanismen implementieren. Der Markt wird daher unvermeidlich nach standardisierten Governance-Strukturen verlangen, die diese Herausforderungen adressieren.

Fragmentierung gefährdet Skalierbarkeit

Wenn jeder Händler eigene Rückerstattungsregeln definiert, wenn jeder Zahlungsdienstleister eigene Haftungsmodelle entwickelt, entsteht Fragmentierung. Nutzer müssen für jede Transaktion verstehen, welche Regeln gelten. Händler müssen für jede Zahlungsmethode unterschiedliche Prozesse implementieren. Diese Fragmentierung untergräbt Vertrauen und Skalierbarkeit.

Die Explizitheit von Commercial Governance schafft Transaktionskosten, finanzielle und kognitive. In einer entkoppelten Welt müssen sie explizit definiert, kommuniziert und durchgesetzt werden.

Die Finalität schafft neue Herausforderungen für Betrugsprävention. Prävention muss vor der Zahlungsausführung greifen, denn danach gibt es kein Korrektiv. Dies erfordert kontextspezifische Lösungen, die ohne Standardisierung zur Fragmentierung führen.

Haftungsregeln können fragmentiert sein: Verschiedene Zahlungsdienstleister bieten verschiedene Haftungsmodelle an, verschiedene Händler haben verschiedene Vereinbarungen. Diese Fragmentierung schafft Unsicherheit und reduziert Vertrauen.

Markt fordert Konsolidierung

Die Marktdynamik drängt zur Standardisierung. Fragmentierte Lösungen skalieren nicht. Der Markt fordert Lösungen, die Schutz, Haftung und Regeln standardisieren, ähnlich wie Karten Schemes diese Funktionen standardisiert haben.

Diese Standardisierung sieht jedoch anders aus als bei historischen Systemen: Statt die Infrastruktur zu kontrollieren, operiert sie oberhalb und definiert Regeln für die Nutzung der Rail. Laufende Initiativen zeigen diesen Ansatz bereits.

Die Herausforderung besteht darin, dass Instant Payments die gebündelten Modelle aufbrechen, während neue Governance-Strukturen erst fragmentiert entstehen. Infrastructure Governance (EPC), Commercial Governance (z. B. EPI), regulatorische Rahmenbedingungen koexistieren unkoordiniert. Händler stehen vor der Herausforderung, zwischen verschiedenen Governance-Modellen zu wählen, ohne zu wissen, welche sich durchsetzen werden.

Fragmentierte Governance-Lösungen haben höhere Transaktionskosten, weniger Vertrauen und schlechtere Skalierbarkeit. Instant Payments machen die Balance zwischen Fragmentierung und Standardisierung, zwischen Differenzierung und Koordination explizit. Diese Herausforderung ist bereits aktuell.

Orchestrierte Governance als Lösung

Mit der Entkopplung von Zahlungsinfrastruktur und Ordnung entsteht Fragmentierung. Unterschiedliche Akteure reagieren auf die neue Situation, entwickeln Teilregelwerke und punktuelle Lösungen. Governance entsteht, aber unverbunden. Was fehlt, ist Koordination.

Entscheidend ist daher nicht, ob Governance entwickelt wird, sondern wie sie konsolidiert wird. Commercial Governance ist eine eigenständige Gestaltungsleistung, die unabhängig von der Zahlungsinfrastruktur gedacht werden muss. Gleichzeitig bleibt sie auf funktionierende Infrastruktur und klare regulatorische Leitplanken angewiesen. Die Lösung liegt in einer bewussten Orchestrierung dieser Elemente.

Zur Einordnung ist es hilfreich, zwischen Governance-Typen und Orchestrierungsebenen zu unterscheiden. Infrastructure Governance und Commercial Governance beschreiben, welche Art von Ordnung gestaltet wird. Die folgenden Ebenen beschreiben, wo und durch wen diese Ordnung wirksam wird.

Drei Ebenen schaffen Ordnung

Die Konsolidierung von Governance lässt sich sinnvoll entlang drei klar unterscheidbarer Ebenen strukturieren.

  • Ebene 1: Zahlungsinfrastruktur und Interoperabilität – Diese Ebene umfasst die technische Ausführung von Zahlungen: Clearing, Settlement, Datenformate und Interoperabilitätsregeln. Hier wirkt Infrastructure Governance. Sie stellt sicher, dass Zahlungen zuverlässig, standardisiert und grenzüberschreitend funktionieren. Diese Ebene definiert, wie Zahlungen technisch abgewickelt werden.
  • Ebene 2: Regulatorischer Rahmen – Auf dieser Ebene setzen Gesetzgeber verbindliche Mindestanforderungen. Dazu zählen Vorgaben zu Verbraucherschutz, Fraud-Prävention, Verifikationsmechanismen und Haftungsgrundsätzen. Der regulatorische Rahmen schafft Rechtssicherheit und setzt Leitplanken für Marktakteure, ohne selbst vollständige kommerzielle Regelwerke zu definieren. Er wirkt sowohl auf Infrastruktur- als auch auf Marktlogiken.
  • Ebene 3: Markt- und Scheme-Governance – Auf dieser Ebene wird Commercial Governance konkret ausgestaltet. Marktgetriebene Schemes definieren Regeln für Käuferschutz, Haftungsverteilung, Refund- und Dispute-Prozesse. Hier entstehen Differenzierung, Wettbewerb und konkrete Nutzungsmodelle für Händler und Kunden. Diese Ebene übersetzt technische Finalität und regulatorische Vorgaben in wirtschaftlich tragfähige Zahlungsmodelle.

Erst das Zusammenspiel aller drei Ebenen ermöglicht skalierbare, interoperable und vertrauenswürdige Zahlungsmodelle. Keine Ebene ersetzt die andere. Zahlungsinfrastruktur ohne Markt-Governance bleibt unvollständig, Markt-Governance ohne Infrastruktur wirkungslos. Orchestrierte Konsolidierung ist daher die zentrale Gestaltungsaufgabe im Zahlungsverkehr nach Instant Payments.

Diese Ebenen sind bereits angelegt und entwickeln sich parallel:

  • Ebene 1 wird bereits implementiert: Der European Payments Council (EPC) definiert mit den SEPA Instant Credit Transfer Rulebooks harmonisierte technische Standards für die Zahlungsinfrastruktur und Interoperabilität. Diese Regelwerke schaffen die technische Basis für europaweite SCT-Inst-Zahlungen und regeln ausschließlich deren Ausführung.
  • Ebene 3 entsteht parallel: Die European Payments Initiative (EPI) mit Wero zeigt, wie marktgetriebene Schemes Commercial Governance oberhalb der Zahlungsinfrastruktur aufbauen. EPI nutzt die SEPA Instant Infrastruktur und definiert eigene Regeln für Käuferschutz, Haftung und Streitbeilegung. Ergänzend zeigt die Initiative „Pay by Bank“ des Handelsverbands Deutschland, wie Händler beginnen, eigene Governance-Modelle auf Basis von Instant Payments zu formulieren. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht technische Abläufe, sondern Fragen von Haftung, Rückabwicklung, Transparenz und Kostenkontrolle. Pay by Bank macht sichtbar, dass Commercial Governance nicht aus der Infrastruktur folgt, sondern bewusst gestaltet werden muss.
  • Ebene 2 wird konsolidiert: Regulatorische Rahmenbedingungen (PSD3/PSR, Instant Payments Regulation) schaffen die Minimalanforderungen, die Ebene 1 und 3 zusammenhalten.

Diese drei Ebenen müssen orchestriert werden. Die technischen Standards schaffen Interoperabilität, die regulatorischen Vorgaben setzen Minimalanforderungen, die marktgetriebenen Schemes ermöglichen Differenzierung. Wettbewerb verlagert sich von der Infrastruktur zur Regelgestaltung auf Ebene 3, während Ebene 1 und 2 die gemeinsame Basis sicherstellen.

Enabler machen Konsolidierung umsetzbar

Die Konsolidierung wird durch parallele Entwicklungen ermöglicht, die horizontal über alle drei Ebenen wirken. Diese Enabler erfüllen unterschiedliche Funktionen im Governance-Modell. Trust & Identity Enabler klären Identität, Rolle und Zustimmung vor der Transaktion. Sie schaffen die Voraussetzungen für überprüfbare Commercial Governance ex ante. Settlement & Reach Enabler erweitern die Anwendbarkeit des Governance-Modells über klassische SEPA-Kontexte hinaus. Sie machen Commercial Governance auf unterschiedlichen Settlement-Layern relevant und bestätigen deren Notwendigkeit unabhängig vom Rail.

PSD3 und PSR stärken Ebene 2: Die dritte Zahlungsdiensterichtlinie und die Payment Services Regulation sind politisch vereinbart (Trilog-Einigung) und schaffen künftig konkrete Governance-Mechanismen: Erweiterte Rückerstattungsrechte für Betrugsopfer, Regelungen für Fraud Information Sharing, verstärkte Customer Authentication. Parallel etabliert die Instant Payments Regulation Verification of Payee (VoP) als verpflichtenden Mechanismus zur Verifizierung von Zahlungsempfängern. Diese regulatorischen Rahmenbedingungen definieren die Minimalanforderungen auf Ebene 2 und schaffen die Basis für Schemes auf Ebene 3.

EUDI Wallets ermöglichen skalierbare Governance: Die European Digital Identity Wallets werden ab November 2026 operativ und müssen ab November 2027 von bestimmten regulierten Akteuren akzeptiert werden. Sie sind Trust-, Rollen- und Consent-Anker, keine Payment Wallets. Sie ermöglichen Strong Customer Authentication, rechtsverbindliche digitale Signaturen und robustes Consent Management. Dies macht Commercial Governance auf allen drei Ebenen effizienter anwendbar. Sie beantworten die Frage “Wer?”, während Ebene 2 und 3 “Was?”, “Warum?” und “Unter welchen Bedingungen?” klären.

Stablecoins erweitern den Settlement-Raum: Stablecoins etablieren global verfügbare Settlement-Layer, die außerhalb klassischer SEPA-Strukturen operieren. Im europäischen Kontext schafft die MiCA-Verordnung einen regulatorischen Rahmen für deren Emission und Aufsicht. Stablecoins gewinnen insbesondere in Plattform- und Cross-Border-Kontexten an Bedeutung, in denen bestehende Clearing-Infrastrukturen an Reichweitengrenzen stoßen. Für das Governance-Modell sind sie kein Konkurrent, sondern ein Stresstest. Sie ermöglichen schnelles, finales Settlement ohne jede implizite Schutzstruktur. Käuferschutz, Haftung und Streitbeilegung müssen auch auf diesem Rail explizit oberhalb definiert werden. Stablecoins verschärfen die Governance-Frage.

Digitaler Euro stabilisiert den Settlement-Rahmen: Der digitale Euro schafft einen öffentlich legitimierten Settlement-Layer mit staatlicher Verankerung. Er bietet eine Referenz für Vertrauen und Finalität innerhalb des europäischen Ordnungsrahmens und ergänzt die bestehende SEPA-Infrastruktur als zusätzliche Settlement-Option. Auch der digitale Euro adressiert ausschließlich die Settlement-Ebene. Der digitale Euro stabilisiert Geld. Commercial Governance bleibt eine eigenständige Gestaltungsaufgabe oberhalb des Rails.

Der öffentliche Sektor als Referenz für ex-ante-Governance: Öffentliche Verfahren sind darauf ausgelegt, Verantwortlichkeiten, Legitimität und Zuständigkeiten vor der Transaktion zu klären. Identitäten, Rollen und Berechtigungen werden ex ante geprüft und in Prozesse eingebettet. Das Once-Only-Prinzip im Rahmen des OZG zeigt, wie Vertrauen und Zuständigkeit strukturell abgesichert werden können. Diese Logik wird für Instant Payments relevant, weil finale Zahlungen keine nachträgliche Korrektur durch implizite Schutzmechanismen erlauben. Commercial Governance muss daher, ähnlich wie im öffentlichen Sektor, vor der Ausführung wirksam werden.

Diese Enabler und Referenzmodelle schaffen gemeinsam die Voraussetzungen für orchestrierte Governance auf drei Ebenen – unabhängig vom Settlement-Layer. Trust & Identity Enabler machen Governance überprüfbar, Settlement & Reach Enabler machen sie rail-übergreifend anwendbar.

Jeder Akteur hat konkrete Aufgaben

Die Konsolidierung erfordert koordiniertes Handeln verschiedener Akteure. Jede Gruppe hat spezifische Aufgaben, um die drei Ebenen zu orchestrieren:

Zahlungsdienstleister und Banken

  • Priorisierung: Vorbereitung auf regulatorische Minimalanforderungen als Basis. Parallele Implementierung der EPC-Rulebook-Updates.
  • Scheme-Wahl: Strategische Entscheidung, welche Schemes auf Ebene 3 unterstützt werden. EPI/Wero für europäische Souveränität, Pay-by-Bank-Ansätze aus dem Handel für händlerzentrierte Governance-Modelle, etablierte Kartenschemes für globale Reichweite. Die Wahl muss zur Kundenbasis und den relevanten Use Cases passen.
  • Interoperabilität: Technische Vorbereitung auf Multi-Scheme-Support. Zahlungsorchestrierung muss unterschiedliche Governance-Modelle parallel unterstützen und konsistent handhaben können.

Händler

  • Commercial Governance Assessment: Klärung der eigenen Anforderungen: Welches Schutzniveau ist für welche Produkte/Services notwendig? E-Commerce mit physischen Gütern hat andere Anforderungen als digitale Services oder B2B-Zahlungen.
  • Scheme-Integration: Schrittweise Integration verschiedener Commercial Governance Modelle. Start mit regulatorischen Minimalanforderungen, dann Erweiterung um Schemes, die zur Kundenbasis passen.
  • Prozess-Redesign: Refund und Dispute Prozesse müssen an finalen Charakter von Instant Payments angepasst werden. Betrugsprävention muss vor Zahlungsausführung stattfinden.

Regulatoren und Standardisierungsgremien

  • Fokus auf Ebene 2: Regulatorische Vorgaben sollten klare Minimalanforderungen definieren, aber Raum für Innovation auf Ebene 3 lassen. Das EPC Scheme Management zeigt, wie Harmonisierung ohne Überregulierung funktioniert.
  • Interoperabilitäts-Standards: Definition verpflichtender Schnittstellen zwischen verschiedenen Schemes. Ein Käufer mit EPI/Wero muss bei einem Händler zahlen können, der ein anderes Scheme nutzt.
  • Transparenz-Anforderungen: Verpflichtung zur klaren Kommunikation der geltenden Governance-Regeln im Payment-Flow.

Payment Schemes

  • Differenzierung auf Ebene 3: Klare Positionierung, welches Commercial-Governance-Modell ein Scheme anbietet. EPI/Wero fokussiert europäische Souveränität, etablierte Kartenschemes bieten global skalierte Ordnungsmodelle, Pay-by-Bank-Ansätze aus dem Handel adressieren händlerzentrierte Governance-Anforderungen auf Basis von Instant Payments.
  • Interoperabilität: Verpflichtung zu standardisierten Schnittstellen sowie transparenten Haftungs- und Eskalationsregeln bei scheme-übergreifenden Transaktionen.
  • Käuferschutz: Konkrete Definition, wie Käuferschutz auf finaler Infrastruktur umgesetzt wird. Klassische Chargebacks stehen bei finaler Zahlung nicht zur Verfügung. Dies erfordert neue Mechanismen wie Treuhandmodelle, zeitlich gestaffelte Finalität oder versicherungsbasierte Absicherungskonzepte.

Die Konsolidierung erfordert, dass alle Akteure ihre Rolle verstehen und koordiniert handeln.

Fazit

Die europäische Regulierung zu Instant Payments schafft eine neue Realität: SCT Inst wird zur obligatorischen Infrastruktur und etabliert eine schnelle, finale Zahlungsoption parallel zu bestehenden Systemen. Der eigentliche Wandel liegt jedoch nicht in der Geschwindigkeit, sondern in der Sichtbarkeit von Ordnung. Mit der Finalität von Echtzeitzahlungen tritt die Trennung zwischen Zahlungsinfrastruktur und Commercial Governance offen zutage.

Diese Entwicklung eröffnet Handlungsspielräume. Historische Zahlungssysteme wie Karten und Wallets bündelten Infrastruktur und Commercial Governance in proprietären Modellen. SCT Inst stellt eine europäische, regulierte Infrastruktur bereit, auf der Commercial Governance bewusst gestaltet werden kann. Schutzmechanismen, Haftungsmodelle und Regelwerke entstehen nicht mehr implizit, sondern werden zur expliziten Gestaltungsaufgabe.

Europäische Akteure nutzen diesen Spielraum bereits, jedoch fragmentiert. Die Rulebooks des European Payments Council definieren Infrastructure Governance, die European Payments Initiative etabliert mit Wero erste marktgetriebene Commercial Governance, während Initiativen wie „Pay by Bank“ des Handelsverbands Deutschland händlerseitige Ordnungsmodelle auf Basis von Instant Payments vorantreiben. Regulatorische Rahmenbedingungen setzen verbindliche Minimalanforderungen, EUDI Wallets ermöglichen Trust- und Consent-Management. Parallel erweitern Stablecoins und der digitale Euro den Settlement-Raum über klassische SEPA-Kontexte hinaus, ohne Commercial Governance zu ersetzen.

Die Chance liegt in der orchestrierten Entwicklung auf drei Ebenen: Zahlungsinfrastruktur und Interoperabilität schaffen die gemeinsame Basis, regulatorische Minimalanforderungen setzen den Rahmen, marktgetriebene Commercial Governance ermöglicht Differenzierung im europäischen Zahlungsverkehr.

Instant Payments machen Zahlungen schnell. Orchestrierte Commercial Governance entscheidet, welchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert diese Infrastruktur entfaltet.

Die Umsetzung erfordert koordiniertes Handeln aller Akteure. Entscheidend ist nicht, über welches Rail Europa zahlt, sondern nach welchen Regeln. Die Infrastruktur liefert die Basis. Commercial Governance entscheidet über ihren Wert.

Quellenangaben

  1. EMVCo, Use of the EUDI Wallet in EMV® 3-D Secure Payment Authentication, Link
  2. EPI Company, Home, Link
  3. European Central Bank, Digital Euro, Link
  4. European Central Bank, ECB welcomes initiative to launch new European payment solution, Link
  5. European Central Bank, Instant Payments Regulation, Link
  6. European Commission, Proposal for a Regulation on the establishment of the digital euro, Publication Date (June 2023), Link
  7. European Commission, Regulation (EU) 2024/886 on instant credit transfers in euro, Publication Date (March 2024), Link
  8. European Digital Identity Wallet, Architecture and Reference Framework, Link
  9. European Parliament and Council, Regulation (EU) 2023/1114 on Markets in Crypto-Assets (MiCA), Publication Date (June 2023), Link
  10. European Payments Council, 2025 SEPA Instant Credit Transfer Rulebook Version 1.0, Link
  11. European Payments Council, EPC Payment Scheme Management, Link
  12. Payment Services Directive 3 (PSD3) and Payment Services Regulation (PSR), Link

Autor

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Dr. Andreas Windisch

Andreas ist Unternehmer und Berater in den Bereichen Automotive, Banking und Financial Services und beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit der Entwicklung Software-basierter Systeme. Vor der Gründung von asquared war er bereits viele Jahre als Berater in verantwortlichen Rollen u.a. für den Aufbau der Kooperationsinitiativen paydirekt und verimi tätig.